Presse

Klassik.com

10.10.2012

 

Kalitzke, Johannes - Die Besessenen

 

Doppelbödiges Musiktheater

 

Neos veröffentlicht den spannenden Uraufführungsmitschnitt von Johannes Kalitzkes Oper 'Die Besessenen'.

 

Johannes Kalitzes vieraktige Oper 'Die Besessenen' (2008/09), als bislang vierte Arbeit des Komponisten für die Opernbühne im Februar 2010 im Theater an der Wien uraufgeführt, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Witold Gombrowicz. [...]

 

Klimkes bisweilen fast holzschnittartige Reduktion bietet die idealen Voraussetzungen für Kalitzke, dessen spezieller musikalischer Zugriff gerade jene Zwischentöne und Schattierungen beisteuert, auf die der Librettist verzichtet hat. So erweist sich der Komponist als Meister subtiler und doppelbödiger Charakterzeichnung, reagiert mit einer Vielzahl formaler Gestalten (etwa Hoquetus, Toccata oder Choral) und stilistischer Allusionen (beispielsweise an populäre Musik und Walzerklänge) auf die ausgedünnten Dialoge und schafft dadurch ein wechselvolles instrumentales Panorama, dem auf vokaler Ebene eine abwechslungsreiche Führung der Singstimmen entspricht. [...]

 

Als Dirigent der vorliegenden Veröffentlichung aus dem Hause Neos, Mitschnitt der Uraufführungsproduktion, erweist sich Kalitzke zudem als idealer Anwalt seines eigenen Werkes und fördert immer wieder das Unbequeme der Partitur hervor: Dank der exzellenten musikalischen Leistungen des Klangforums Wien ist die Umsetzung der instrumentalen Schicht enorm plastisch geraten. [...]

 

Wie sich die vokalen und instrumentalen Leistungen zu einer schlüssigen Gesamterscheinung zusammenfügen, die am Ende in eine klanglich denaturierte Rückkehr des Beginns mündet, in der sich die klangliche Substanz der Musik zu glasartigen Klängen verflüchtigt, ist ganz klar eine Hörempfehlung wert.

 

Dr. Stefan Drees

 

Interpretation: ★★★★
Klangqualität: ★★★★★
Repertoirewert: ★★★★★
Booklet: ★★★★

 

www.klassik.com

 

Frankfurter Allgemeine

25.02.2010

 

Das Leben ist eine Endlosschleife

 

Supermarkt der Illusionen: Johannes Kalitzkes packende Oper „Die Besessenen“ inszeniert den Spuk und den Aberglauben als Kehrseite der kapitalistischen Warenwelt. Sie bildet den vielversprechenden Auftakt zur neuen Uraufführungsserie im Theater an der Wien.

 

www.faz.net

 

 

Klassik.com

 

24.02.2008

 

Kalitzke, Johannes - Vier Toteninseln für Orchester mit zwei Solisten

 

Suggestiv und anrührend

 

Das Label Kairos widmet dem Komponisten Johannes Kalitzke eine neue CD-Produktion mit zwei sehr unterschiedlichen Werken.

 

Als Dirigent ist Johannes Kalitzke eine weithin gefragte Interpretenpersönlichkeit, die sich mit akribischer Lektüre und sorgfältiger Probenarbeit dem Schaffen von Zeitgenossen anzunehmen versteht. Dass er darüber hinaus jedoch auch als Komponist eine wichtige Größe im zeitgenössischen Musikbetrieb bildet, geht hinter der öffentlichen Wirkung dieser Dirigententätigkeit gelegentlich verloren. Das österreichische Label Kairos würdigt Kalitzkes Schaffen nun mit einer CD-Produktion, die zwei gewichtige Kompositionen jüngeren Datums enthält: die ‚Vier Toteninseln’ für Orchester mit zwei Solisten (2002/03) und die ‚Six covered settings’ für Streichquartett (1999/2000). [...]

 

Schon allein für die ‚Six covered settings’ lohnt sich die Anschaffung der CD, denn bislang war das Werk nur auf einer nicht offiziell im Handel erhältlichen Dokumentation des WDR mit einem Mitschnitt der Uraufführung durch das Arditti String Quartet von den Wittener Tagen für neue Kammermusik 2000 zugänglich. [...]

 

Das Salzburger Stadler Quartett, dessen Mitglieder zugleich auch dem renommierten Österreichischen Ensemble für Neue Musik angehören, überzeugt mit einer Wiedergabe, die den musikalischen Nuancen dieser diffizilen Komposition vollauf gerecht wird: Mit exzellentem Zusammenspiel und differenzierter Klangfarbenzeichnung spüren die Musiker den Umschwüngen der Musik nach, die sich vor allem in der ständigen Verschiebung von Vorder- und Hintergrund äußern. [...]

 

Auch die ‚Vier Toteninseln’ machen dieses Spiel mit Tradition zu ihrem Gegenstand. Hier ist es die konkrete Vorlage der ‚Vier ernsten Gesänge’ op. 121 von Johannes Brahms, die Kalitzke als Grundlage einer Übermalung nutzt, so dass das Original gelegentlich unter den neuen Texturen aufblitzt. [...]

 

Die Suggestivität dieser Musik, hinter der sich eine zutiefst persönliche Reflexion über die häufig verdrängte Realität des Todes in unserer Gesellschaft verbirgt, ist einfach großartig. Hier liegt – und dazu tragen auch die beiden Werkkommentare des Komponisten sowie ein Interview mit Produzent Peter Oswald im Booklet bei – nicht nur einfach eine empfehlenswerte Platte, sondern eine Veröffentlichung mit zutiefst anrührender zeitgenössischer Musik vor, die es verdient, häufiger gespielt und gehört zu werden.

 

Dr. Stefan Drees

 

Interpretation: ★★★★★
Klangqualität: ★★★★
Repertoirewert: ★★★★★
Booklet: ★★★★

 

www.klassik.com

 

Neue Musikzeitung

Ausgabe: 7/05 - 54. Jahrgang

 

Die Hölle, das ist ein schwarzes Vergnügen

Johannes Kalitzkes Oper „Inferno“ nach Peter Weiss in Bremen uraufgeführt

 

Schon oft wurde in Bezug auf neues Musiktheater über die Frage von vertonter Literatur auf der einen Seite, von abstrakten Sujets auf der anderen diskutiert. Jetzt legte Johannes Kalitzke in Bremen eine Oper über ein erst 2003 aus dem Nachlass von Peter Weiss veröffentlichtes Manuskript mit dem Titel Inferno (nach Dante) vor. Die Hölle, das ist die Gesellschaft von Upperclass zwischen Smalltalk und Wellness, unterfüttert von Schlägern, Folterern und Henkern. [...]

 

Als „Schwarze Show“ charakterisiert Kalitzke sein Stück „Inferno“. Wirklich gelang es ihm, einen musikalischen Ton zu entwickeln, der beinhart klar daherkommt, der zwischen Tänzen, Marsch und Choral, als seien sie Showeinlagen, changiert, der aber zugleich das Falsche des Tons hellhörig einfängt und integriert. Denn verdreht ist hier alles: Das Harmlose ist das Grauen, das Unverbindliche der Todesstoß, das grelle Äußere erzählt vom wüsten und leeren Innen. So ist auch die Musik. [...]

 

Der Text in der kantigen Sprache des Polittheaters der 60er-Jahre wurde von Kalitzke ins Jetzt geholt und zugleich in seiner Brisanz erhalten.

 

Dem hatten Regie und Bühnenbild (David Mouchtar-Samorei, Heinz Hauser) wenig hinzuzufügen, und das taten sie anständig. Leicht wäre es, dieses Sujet bizarr zu überzeichnen, doch man setzte auf klare, eindeutige Konturen, auf das einfache Sprechen der Bilder. Das tat wohl, wie auch die ganze Ensembleleitung und die behutsam plastische Führung der Musik durch den jungen Dirigenten Stefan Klingele. Neues Musiktheater hat mit dieser Bremer Aufführung einen entscheidenden Schritt ins Neuland getan.

 

Reinhard Schulz

 

www.nmz.de